So gefährlich ist Ablenkung am Steuer

Blick aufs Handy, Wasser trinken & Co.

So gefährlich ist Ablenkung am Steuer

Viele Pkw-, Rad- und E-Scooter-Fahrer durch Hantieren mit Handy & Co. im Blindflug unterwegs.

Ablenkung am Steuer begünstigt schwere Fahrfehler. Das belegt nun auch eine Studie des ÖAMTC. Die Unfallstatistik 2019 hat ergeben, dass Unachtsamkeit und Ablenkung mit 31,4 Prozent weiterhin zu den häufigsten Unfallursachen im österreichischen Straßenverkehr zählt. Außerdem verunfallten im Vorjahr 139 Personen tödlich, weil sie oder der Unfallgegner in den entgegenkommenden Verkehr geraten waren.

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Praxisstudie

Der ÖAMTC hat Anfang März gemeinsam mit seinem Partnerclub ADAC im Fahrtechnik Zentrum Teesdorf mit 45 jungen Probanden im Alter von 20 bis 35 Jahren die Untersuchung zu möglichen Auswirkungen unterschiedlicher Nebentätigkeiten auf das Fahrverhalten und die Verkehrssicherheit bei Pkw, Fahrrad und E-Tretrollernutzung durchgeführt. Im Rahmen der Studie wurden bei allen untersuchten Nebentätigkeiten, dazu zählten u. a. das Hantieren mit Gegenständen, Trinken aus einer Wasserflasche, Verwendung des Smartphones und Nutzung des Navi während der Fahrt, gravierende Beeinträchtigungen der Fahraufgabe nachgewiesen - unabhängig vom Fahrzeugtyp.

"Wir haben unsere Probanden im Zuge von Testfahrten vor Aufgaben gestellt, die in der Realität häufig durchgeführt werden. Dabei konnten wir aufzeigen, dass ablenkende Tätigkeiten zu massiven Fahrfehlern führen, auch wenn man fit und erfahren hinter dem Steuer ist. So wären neun von zehn Autofahrern mit einem plötzlich auftauchenden Hindernis kollidiert und mehr als ein Drittel der Probanden überfuhren zumindest einmal die Mittellinie, was in einer realen Situation dazu führen würde, dass sie zwischen 3,5 und 4 Sekunden im Gegenverkehr landen", erklärte ÖAMTC-Verkehrspsychologin Marion Seidenberger. Und das hätte im realen Straßenverkehr einen Unfall zur Folge.

"Jede ablenkende Tätigkeit, die wir untersucht haben, so banal diese auch erscheinen mag, hatte messbare Auswirkungen auf das Fahrverhalten. Unsere Probanden haben sich dabei oft besser eingeschätzt, als sie tatsächlich waren. Die Fehlinterpretation der eigenen Leistung kann zu gefährlichen Unfällen führen", konstatierte Seidenberger. Es stellte sich heraus, dass auch "minderbewertete Sachen wie beispielsweise ein Taschentuch aus dem Handschuhfach nehmen genauso ablenkend ist, wie ins Navi zu tippen", erläuterte die Expertin. Bei der Taschentuch-Aufgabe geriet mehr als ein Drittel der Testpersonen in den Gegenverkehr.

© ÖAMTC

Kaum Bewusstsein über Gefahren vorhanden

"Es gibt ganz wenig Bewusstsein, wie gefährlich solche Ablenkphasen sind", sagte Fahrtechnik-Zentrumsleiter Georg Scheiblauer. Außerdem wird es von "allen stark unterschätzt, nicht nur von Fahranfängern. Viele denken, Autofahren geht eh so nebenbei. Ja, es geht, aber nur, solange nichts Unvorhergesehenes passiert", warnte der Experte.

Das Tempo-, Blick- und Spurhalteverhalten war deutlich beeinträchtigt, die Pkw-Teststrecke wurde von den Probanden häufig und lange im "Blindflug" - auch im Gegenverkehrsbereich - absolviert. Einzelne Teilnehmer schauten beispielsweise bis zu 25 Mal aufs Handy, als sie die Aufgabe hatten, eine Nachricht zu lesen und zu beantworten. Ein Proband war hierbei gar zehn Sekunden im Gegenverkehr unterwegs, was einer Strecke von 130 Metern entspricht.

Bei einer weiteren Aufgabe mussten die Testpersonen eine Adresse ins Navi eintippen. Nur eine Minderheit der Lenker - zehn Prozent - war in der Lage, das Testfahrzeug währenddessen rechtzeitig vor einem plötzlich auftauchenden Hindernis anzuhalten. "Viele Studienteilnehmer wären mit hohem Tempo gegen das Hindernis gefahren - sie leiteten weder zeitgerecht noch kräftig genug die Bremsung ein. Eine Testperson hat das Hindernis gar nicht bemerkt und wäre auf der Straße völlig ungebremst dagegen geprallt", berichtete Seidenberger. Durchschnittlich wurde vier Mal pro Fahrt auf den Bildschirm des Navigationsgeräts geblickt, was etwas mehr als sechs Sekunden bzw. über 100 Meter "Blindflug" entsprach. "Abgesehen von den Gefahren darf nicht vergessen werden, dass dem Lenker während des Fahrens das Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung verboten ist. Aber auch eine anderweitige Verwendung des Mobiltelefons ist nicht erlaubt", sagte die Psychologin. Ausgenommen von dieser Regelung ist die Nutzung des Navigationssystems, sofern es im Wageninneren befestigt ist.

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Auch Fahrrad und E-Scooter

Neben dem Pkw wurden auch auf dem Fahrrad und E-Tretroller Ablenkungsmanöver getestet. Das resultierte in gravierenden Spurhaltefehlern, einer veränderten Fahrdynamik, verminderter Handzeichensetzung und einer reduzierten Anhalte-Bereitschaft an Hindernissen und Verkehrszeichen der Testfahrer. "Für die Probanden mit einspurigen Fahrzeugen waren die Aufgaben ebenso fordernd, wenn sie mit einem Smartphone oder einer Wasserflasche zu hantieren hatten oder die richtige Blicktechnik anwenden sollten, ohne die allgemeinen Verkehrsregeln zu missachten. Dabei kam es trotz umfangreicher Sicherungsmaßnahmen zu massiven Fahrfehlern und sogar zu Stürzen", erläuterte Seidenberger. Besonders am Tretroller zeigte sich, dass dieser extrem instabil wird, wenn Probanden versuchen, Dinge nebenbei zu tun, berichtete die Verkehrspsychologin.

In der Theorie sind sich Fahrzeuglenker in der Regel darüber bewusst, welche Ablenkungen zu gefährlichen Fahrfehlern führen können. Eine Online-Umfrage es ÖAMTC zeigte auf, dass Gespräche mit dem Bei-/Mitfahrer, Bedienen von Geräten und Telefonieren während der Fahrt oder das Hören und Suchen von Musik mitunter am häufigsten als ablenkende Tätigkeiten eingeschätzt werden. "Die Ergebnisse aus unserer aktuellen Fahrstudie beweisen, dass Gefahren durch Ablenkung am Steuer unterschätzt werden. Die Risiken und möglichen Folgen sollten daher stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit von Lenkern aller Fahrzeugtypen gerückt werden, etwa im Rahmen der Fahrausbildung", forderte die Verkehrspsychologin.

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Mehrere Partner mit an Bord

Die Fahrstudie fand in Kooperation mit ADAC, Neurotraffic, ISWF, MedUni Wien, KTM und Circ statt. Der wahre Untersuchungszweck, nämlich mögliche Auswirkungen unterschiedlicher Nebentätigkeiten auf das Fahrverhalten und die Verkehrssicherheit von Pkw-, Fahrrad- und E-Tretroller-Lenkern, wurde den Teilnehmern nicht kommuniziert. Stattdessen wurde den Probanden mitgeteilt, dass es sich um einen Gleichgeschwindigkeits-Wettbewerb handelt, bei dem diejenige Person gewinnt, die ihre eigene Testfahrrunde nahezu zeitident mit der eigenen Basisfahrrunde absolviert. Neben der präzisen Fahrzeiteinhaltung wurde auch darauf hingewiesen, dass alle am Fahrbahnrand kundgemachten Tempolimits und Verkehrszeichen äußerst genau einzuhalten sind. Dazu absolvierten die Probanden nach einer kommentierten Eingewöhnungs- und Streckenbesichtigungsrunde jeweils eine Referenzrunde und danach zwei Wertungsrunden. In den beiden Wertungsrunden wurden die Instruktionen zur Durchführung der jeweiligen Nebentätigkeiten per Funk an die Testpersonen kommuniziert, die diese zeitnah umzusetzen hatten.

Für die Erfassung der Auswirkungen der Nebentätigkeiten wurden die Wertungsrunden (="Ablenkungsrunden") mit der Referenzrunde (Basisrunde) durch Datenlogger-Aufzeichnungen verglichen. Zudem absolvierten die Probanden Computertests zu "Wachheit/Alertness" und "Ablenkbarkeit", um weitere Einflussfaktoren detektieren zu können, die ihre Wachheit, Stimmung und Arbeitsleistung zeigen. Dabei schnitten beispielsweise jene Probanden, die in der Nacht zuvor schlecht geschlafen oder länger unterwegs waren, sehr schlecht ab, erläuterte Schlafforscher Gerhard Klösch von der MedUni Wien.

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